Pfoten-Tagebuch

Clickertraining für Anfänger: Wie mein Mischling endlich lernt was ich will

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens in meiner Berliner Küche und ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich halte ein Stückchen getrocknete Lunge in der Hand, meine Haare sehen aus wie ein Vogelnest und ich sage zum gefühlt hundertsten Mal „Sitz“. Mein Hund – dieser wunderschöne, aber völlig distanzlose Mischling, den ich im Mai von einer Freundin übernommen habe – starrt mich einfach nur mit schiefem Kopf an. Dann hebt er ganz langsam die Pfote und setzt sie mitten auf meinen neuen, teuren Design-Teppich, während er mich erwartungsvoll fixiert. WARUM VERSTEHT ER MICH NICHT?

Ich bin Grafikdesignerin, ich löse Probleme normalerweise mit Photoshop, nicht mit einem Tier, das nachts heult und in den Flur pinkelt, wenn ihm die Welt zu laut ist. Seit er bei mir eingezogen ist, weil meine Freundin so Knall auf Fall umziehen musste, fühle ich mich wie in einer Folge einer schlechten Reality-Show. Ich habe „Hund hört nicht auf mich“ gegoogelt und bin in der unendlichen Tiefe der Online-Kurse versunken. Und da war es plötzlich überall: Clickertraining.

Der Moment, als das Plastikding in mein Leben kam

Die erste chaotische Woche im Mai war der reine Überlebenskampf. Ich wusste nicht mal, wie man eine Leine richtig hält, ohne sich die Finger abzuschnüren. Also habe ich mir diesen kleinen Plastik-Clicker bestellt. In der Theorie klang das super: Ein Klick bestätigt genau das richtige Verhalten. In der Praxis stand ich im Flur meines Altbaus und dieses metallische, scharfe „Klick-Klack“ hallte so laut durch das Treppenhaus, dass mein Hund erst mal einen Satz rückwärts gemacht hat.

Nahaufnahme eines Hundetrainings-Clickers in einem Berliner Altbau-Flur.

Ich habe gelernt, dass man den Clicker erst mal „aufladen“ muss. Das bedeutet: Klick, Leckerli. Klick, Leckerli. Und zwar etwa zwanzig Mal hintereinander, damit der Hund kapiert: Das Geräusch ist ein Versprechen. Es bedeutet: „Du hast es gerade richtig gemacht und jetzt kommt die Belohnung.“ Das Wichtigste dabei ist das Zeitfenster für die Belohnung. Es muss innerhalb von 0.5 bis 1 Sekunde passieren. Wenn ich zu langsam bin und erst mal in meiner Jackentasche nach dem Keks kramen muss, denkt er wahrscheinlich, er wird fürs Gähnen belohnt.

Nach etwa drei Wochen konsequentem Üben (und ja, ich habe mir Wecker gestellt, damit ich es nicht vergesse) passierte das kleine Wunder. Wir standen an der Ampel im Prenzlauer Berg. Überall Tauben, Autos, Fahrradfahrer – der normale Wahnsinn. Normalerweise wäre er völlig ausgerastet. Aber als er mich nur einen Bruchteil einer Sekunde ansah, drückte ich den Clicker. Er blieb stehen. Er sah mich an. In diesem Moment spürte ich dieses plötzliche Lockerlassen in meinen Schultern. Ich musste nicht schreien. Ich musste nicht an der Leine reißen. Ein kurzes Klick reichte aus.

Wenn das Klicken zur Nervensache wird

Aber hier kommt die Sache, die mir kein Profi-Trainer vorher gesagt hat: Mein Hund ist sensibel. Ein richtiger Berliner Sensibelchen-Mischling. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass er bei jedem Klick zwar wusste, dass Futter kommt, aber er wurde auch irgendwie... hektisch? Fast schon nervös. Er fing an, mich fast schon zwanghaft anzustarren und zitterte leicht vor Erwartung. Das laute Geräusch schien ihn unter Stress zu setzen, statt ihn zu entspannen.

Ich habe dann in meinem zweiten Online-Kurs (ja, ich bin jetzt ein Kurs-Junkie) gelesen, dass das bei vielen Hunden passiert. Der Clicker ist toll für die Präzision, aber für manche Seelen einfach zu hart. Ich habe deshalb angefangen, den Clicker in der Tasche zu lassen oder ein sanftes verbales Markerwort wie „Top“ oder „Yes“ zu benutzen. Das ist oft effektiver als das laute Klicken, besonders wenn man einen Hund hat, der sowieso schon mit den Reizen der Großstadt kämpft. Es ist, als würde man statt einer Trillerpfeife ein freundliches Nicken benutzen.

Was ich auch lernen musste: Die ideale Leckerli-Größe ist entscheidend. Am Anfang habe ich ihm halbe Wiener Würstchen gegeben. Resultat: Nach zwei Minuten Training war er satt und wollte nur noch schlafen. Jetzt sind die Belohnungen erbsengroß. So kann er sie schnell schlucken und wir verlieren keine Zeit mit Kauen. Wenn du dich fragst, wie man das alles im Griff behält, kann ich dir meinen Erfahrungsbericht über Online Hundetraining für Anfänger: Mein Test der Traumhund-Challenge empfehlen, da habe ich das alles Schritt für Schritt aufgeschrieben.

Trainingstagebuch: Ein schwüler Nachmittag im Juli

Es war einer dieser Tage, an denen in Berlin die Luft steht. Wir waren im Park und ich wollte „Bleib“ üben. Ich war motiviert, hatte meine erbsengroßen Käsewürfel dabei und den Clicker schussbereit. Spoiler: Es hat NICHTS geklappt. Er hat sich in eine Pfütze gelegt, eine weggeworfene Pizzaschachtel gefunden und mich komplett ignoriert. Ich stand da wie eine Idiotin und habe diesen Plastikknopf gedrückt, während er genüsslich an einem alten Käserand kaute.

Ein abgelenkter Mischlingshund im Park während einer Trainingseinheit im Sommer.

Ich habe an diesem Tag gelernt, dass die empfohlene Dauer einer Trainingseinheit bei 3 bis 5 Minuten liegt. Alles darüber hinaus ist für einen Anfänger-Hund (und für mich!) einfach zu viel. Wir waren schon seit zwanzig Minuten draußen. Er konnte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich habe das Training abgebrochen, mich neben ihn ins Gras gesetzt und wir haben einfach nur die Leute beobachtet. Manchmal ist das beste Training, einfach mal gar nichts zu wollen.

Dieses Tagebuch-Schreiben hilft mir total, die kleinen Siege zu sehen. Letzte Woche beim Morgenspaziergang ist er das erste Mal nicht bellend in die Leine gesprungen, als uns der Nachbarshund begegnet ist. Ich habe das Markerwort benutzt, er hat mich angesehen, Keks rein, fertig. Keine Eskalation. In solchen Momenten merke ich, dass wir langsam eine Sprache finden. Wenn du auch solche Probleme hast, schau dir mal meinen Text zum Thema Leinenführigkeit im Großstadtdschungel an, das war nämlich meine nächste Baustelle.

Mein Fazit: Ist der Clicker ein Zauberstab?

Absolut nicht. Er macht aus einem unerzogenen Hund keinen Roboter. Aber er ist wie ein Übersetzer. Für mich als Anfängerin war er die Rettung, weil ich endlich eine Methode hatte, die nicht auf „Dominanz“ oder Rumschreien basierte. Ich bin immer noch weit davon entfernt, eine Expertin zu sein. Ich vergesse den Clicker oft zu Hause, oder ich drücke im falschen Moment drauf, weil ich gerade von einer Mail meiner Agentur abgelenkt bin.

Aber das ist okay. Wir lernen zusammen. Der Clicker (oder mein leises Markerwort) gibt uns Struktur in diesem Berliner Chaos. Er gibt mir Sicherheit, weil ich weiß, wie ich ihm sagen kann: „Hey, genau DAS war super!“ Und das Geräusch des hastigen Kauens eines kleinen Leckerlis nach einem gelungenen Klick ist für mich mittlerweile das schönste Geräusch der Welt. Es bedeutet nämlich, dass wir heute wieder ein kleines Stückchen näher zusammengewachsen sind.

Falls du gerade erst anfängst: Sei nicht zu streng mit dir. Wenn der Clicker dein Tier nervös macht, lass ihn weg. Nimm deine Stimme. Sei ehrlich zu dir selbst, wenn du mal keine Lust hast. Erziehung ist kein Sprint, sondern eher so ein langer Spaziergang durch den Tiergarten – mit vielen Pausen und gelegentlichen Umwegen durch den Schlamm.

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